Einsamkeit

15624563_1791828051083866_6573903202687647744_nIsolation, gefühlte Isolation, gelebte Isolation.

Marie hat einen aufregenden Job, ständig lernt sie neue Leute kennen, arbeitet Hand in Hand mit ihnen an Projekten und Marie kommt gut an. Eine offene, herzliche Art. So würden viele in knappen Worten ihren ersten Eindruck von ihr beschreiben.

Es fällt Marie nicht schwer Kontakte zu knüpfen, doch wenn sie abends erst ins Fitness Studio geht und dann nach Hause kommt, bestellt sie online Pha Thai für eine Person.

Am Wochenende geht es mal raus, in einer großen Gruppe. Freunde, so könnte man es sagen. Eher Freunde mit denen man Spaß haben kann. Freunde, die dir zwar die Haare halten wenn du dich über das Klo der Damentoilette beugst, aber die dir dann doch so egal sind, dass du dich bis zur Ekstase gehen lassen kannst ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Denn wichtig was sie von dir halten ist dir im Grunde nicht.

Spaß Freunde-auch nicht zu verachten.

Im Alltag fehlt dann aber doch etwas für Marie.

Da gibt es zwar noch Laura, mit der sie vor 2 Jahren mal zusammen gearbeitet hat, aber ein sporadischer Kaffee zum Austausch der aktuellen Männergeschichten bringt nur zeitweise Zerstreuung. Und was kann sie aus dem Bereich schon erzählen?

Fast schon peinlich ist es ihr bei jedem dritten Treffen schon wieder mit der Neuigkeit um die Ecke zu kommen, das es erneut nicht geklappt hat. Nicht geklappt, das heißt für Marie eine Beziehung zu einem Mann aufzubauen. Oder doch wenigstens eine langfristige Affäre. Von ihr aus auch gerne eine Freundschaft. Einfach etwas, zumindest einen Hauch, längerfristiges als die ersten Dates bei denen man sich von der besten Seite zeigen möchte. Sie würde sich so gerne einmal wirklich zeigen. Auch ungeschönt.

Der Eindruck den man heute von unserer Generation bekommt ist, dass es fast schon egal ist wie man aussieht, wie man sich präsentiert, wie sozial kompetent man ist. Gruppierungen wie damals in der Oberstufe sind im echten Leben nicht unerheblich aber doch nicht ausschlaggebend. Woran liegt das?

Wir haben verlernt zu sehen, zu hören, zu fühlen. Wir kreisen um uns. Die sogenannte Selbstoptimierung scheint wichtiger als eine tatsächliche Qualität ins eigene Leben zu bringen. Der Erfolg in meinem Job ist mir so wichtig, dass ich auf soziale Kontakte die tiefer gehen, bewusst verzichte. Natürlich nur in meinem wirklich privaten Leben. Ein Foto für Facebook muss schon noch drin sein. Das Instagram Selfie vom letzten Dinner mit Freunden wird natürlich gepostet, auch wenn es schon wieder einen ganzen Monat her ist und im Grunde den ganzen Abend nur über Allgemeinheiten geredet wurde. Aber nicht über mich, über dich. Ein kurzes Abenteuer, mit dem Typen den man auf Tinder, in der Bar, auf der Arbeit kennengelernt hat. Körperliche Nähe, das ist natürlich wichtig. Aber bitte keine Verantwortung für den anderen übernehmen müssen. Das könnte ja anstrengend werden.

Kein Wunder also, dass es so schwer fällt sich tatsächlich zu zeigen. Denn jemanden zu finden der so viel Interesse signalisiert sich erst einmal Zeit für dich zu nehmen, diese Chance bekommt man nicht so oft. Und wenn ich doch eine finde, dann kann ich es kaum ernst nehmen, denn ich habe verlernt daran zu glauben, dass so jemand wirklich existieren kann.

Es gibt viele Menschen wie Marie. Kein Grund also sich zu schämen, wenn man von außen betrachtet mehr als genug zu haben scheint und sich im Grunde doch oft einsam fühlt.

 

by Christina