Irgendwo dazwischen

Von Aufsteigern und Zweiflern

Johannes ist Mitte 20. Johannes sieht adäquat aus, pflegt sein Sozialleben und hat seit 2 Monaten eine feste Freundin. Und: Johannes studiert. Mittlerweile im Master.

Johannes fährt nur noch selten in die Heimat. Weihnachten, Ostern, vielleicht auch mal ein Wochenende im Juli, wenn die Luft so erbarmungslos gegen die Hauswände der Straßenzüge drückt, dass niemand der Nachbarn dazu in der Lage ist ihn zu fragen “was er da eigentlich genau macht”.

Beim studieren.

Denn Geld verdient man damit ja nicht. Und mit Mitte 20 haben die Eltern bereits eine vierköpfige Familie mit ihrem Lohn durchfüttern können.

Menschen wie Johannes sind zwar kein Einzelfall, doch repräsentiert er zumindest statistisch eine Minderheit. Diejenigen, die es wagen ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern anzustreben. Er gehört zu den mutigen 20 Prozent in Deutschland.

Womit er nicht gerechnet hat als er sich mit 19 Jahren einschrieb (ohne vorher ein Jahr Auszeit in Australien, Amerika oder Indien zu nehmen) war sich mit diesem Schritt ein ganzes Stück weit von seiner Familie, seiner Herkunft zu entfernen.

Eine angemessene Entfernung war gewünscht, in jedem Fall. doch mit einer gefühlten Isolierung hatte er nicht gerechnet.

Nach dem ersten halben Jahr in der “großen Stadt” hörte der Vater auf nach seinem Studium zu fragen. Seiner Mutter war es wichtig zu wissen, dass er gut versorgt ist. Finanziell. Emotional.

Wo während seiner Zeit auf dem Gymnasium (er war der Erste in der Familie, der es auf das Gymnasium schaffte) noch beim sonntäglichen Kaffee trinken mit Großeltern und Tante seine (einigermaßen) guten Noten erwähnt wurden, fällt es nun immer schwerer ein Gespräch über das Thema der aktuellen Hausarbeit zu führen, das er doch eigentlich so interessant findet.

Unangenehme Momenten des Schweigens, bis man dann doch wieder über die nervige Kollegin in Wohnbereich B oder den letzten Tatort spricht, sind heute nicht mehr unangenehm. Erst kam die Gewohnheit, dann totale Resignation.

Johannes weiß, dass er seiner Familie nichts vorwerfen kann.

Interessenfelder gehen manchmal auseinander, aber dennoch. Eine Nachfrage, ein kleiner Anflug von Interesse. Das wäre ganz schön.

Und die Frage danach ob man dort zu Hause ist wo man sich verstanden fühlt wächst.

Wenn er nicht zu Hause ist-in der Bibliothek der Universität, in der Bar mit Kollegen, bei der Abschiedsfeier der Professorin, bei der er im 3. Semester mal einen Kurs belegt hatte, dann ist er meist fern der Arbeiterklasse aus der er kommt. Als er her zog hatte er sich auf diese Momente gefreut. Hatte es sich ausgemalt durch die Bücherreihen zu streunen, tiefsinnige Gespräche zu führen und dabei an seinem Gin Tonic zu nippen.

Heute weiß er, dass dieses Traumbild eine Hülle ohne Gefühl ist. denn der Störfaktor, dieser kontinuierliche Störfaktor in seinen Gedanken ist lauter als je vermutet.

“Kind, studieren ist was für die Anderen. Mach mal lieber was handfestes”

Je länger die tänzelnden Gespräche über Universitätspolitik andauern, desto schwerer wird es dem inneren Drang wegzulaufen zu widerstehen.

Erstaunlich viele hier kennen sich. Oder kennen sich nicht direkt, aber haben voneinander gehört. Über die Familie, die Bekannten der Eltern.

Erstaunlich mehr noch sprechen über die Arbeit der Eltern.

Anfangs wurde Johannes bei solchen Gesprächen sehr still.

Heute spricht er nur darüber wenn er konkret gefragt wird, denn lügen-das war noch nie was für ihn. Als Aufschneider wurde er nicht groß gezogen und das eine ist am Ende doch auch nicht besser als das Andere.

Von einen Anflug von Scham in seiner Stimme kann man nicht sprechen, denn respektiert wird er hier. Und zu ihm gehört auch seine Herkunft.

Doch entsteht eher selten eine angeregte Unterhaltung im Anschluss. Mit seiner Geschichte kann keiner etwas anfangen.

Auch wenn er hier an diesem Punkt den sogenannten sozialen Aufstieg so gut gemeistert hat, so ist er doch nicht ganz zu Haus in dieser Klasse. In dieser Schicht.

Er fühlt sich wieder in die 9. Klasse versetzt in der er sich so oft wunderte warum die vielen anderen Schüler mit der größten Selbstverständlichkeit die besten Noten schrieben. Er bewunderte ihre Leichtigkeit und bewundert sie bis heute.

 

Wo Johannes nun tatsächlich hingehört, das hat er noch nicht herausgefunden.

Bis dahin fühlt er zumindest ein bisschen verstanden. Von Rainald Grebe.

“Die klassenlose Gesellschaft-ich hab sehr gelacht.”

 

 

by Christina