Kolumne.

Gesellschaft der Extreme

Menschen galten generell noch nie als die einfachsten Lebewesen auf diesem Planeten. Auch wenn es manchmal den Anschein hat sind wir doch (im besten Fall) mehr als triebgesteuerte Nichtdenker.

Wenn man sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander setzen möchte, so kommt man nicht umhin unsere Gesellschaft und unsere Generation zu betrachten, zu analysieren und auszuwerten.

Also frage ich mich:

Wofür stehen wir?

Was sind die Merkmale meiner Zeit?

Das Wort, dass mir als erstes in den Sinn kommt ist das Folgende:

Freiheit.

Seltsam eigentlich, denn Freiheit ist in der Geschichte unserer Menschheit ein omnipräsentes Thema.

Ob dafür auf offener Straße gekämpft wird oder in der eigenen kleinen Wohnung, die Vorhänge aufgehangen werden die man selbst für ansprechend hält, wir streben danach uns unseren Raum zu nehmen.

Wir möchten uns und unser Leben gestalten wie es uns gefällt und dafür nicht nur Toleranz sondern auch Respekt und Anerkennung erfahren.

Keine Generation vor uns hatte die Möglichkeiten die wir haben. Das altbekannte Thema “Generaion Y”, vielleicht etwas abgenutzt, aber nach wie vor wahr. Ein einziges Gespräch mit meinem Großvater genügt um festzustellen, dass wir in eine absolut privilegierte Lage hinein geboren wurden.

Auf den Punkt: Wir haben nicht nur ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen.

Wir sind die, die freudestrahlend den neuen IKEA Katalog durchforsten, auf tierische Produkte verzichten und entscheiden ob wir abends lieber bei Netflix und Chips auf der Couch sitzen oder im Club zu der Musik (unserer Wahl!) bis in den Morgen tanzen wollen.

Freiheit sollte also, da sie uns nahezu geschenkt wurde, meiner Meinung nach nicht zu den ersten Worten gehören die mir einfallen.

Würde sie mir nicht eher als Selbstverständlichkeit erscheinen, auch wenn ich ihr als emphatischer Mensch, mit viel Dankbarkeit und Wertschätzung begegne?

Vielleicht muss ich das Thema hinten aufspannen.

Was ist wenn wir zu frei sind?

Damit ist nicht gemeint, dass ich mir den Hall von Bomben-Sirenen zwischen den Hauswänden Berliner Straßen zurück wünsche, nicht mehr wählen möchte oder vorgeschrieben bekommen will welches Geschlecht ich zu lieben habe und welches nicht.

Ich frage mich lediglich:

Wie viel Freiheit tut meiner Person im Bezug auf andere Menschen gut?

Wenn ich die Freiheit habe mir selbst die Nächste zu sein, hat doch zwangsläufig ein Zweiter oder Dritter darunter zu leiden.

Und schon beantworte ich mir meine Frage selbst.

Denn das Gefühl, dass meine Generation in dieser Gesellschaft mir mittlerweile vermittelt ist nicht das der Freiheit, sondern das der Verantwortungslosigkeit.

Wir haben vergessen wie es ist die eigene Bequemlichkeit hinten anzustellen und füreinander einzutreten. Gefühle als Gefühle wahrzunehmen und diese mit Respekt zu behandeln.

Kein Wunder also, dass mir in unserer Hauptstadt selten jemand mit einem Lächeln im Gesicht begegnet.

Die Enttäuschungen häufen sich nachdem Freundschaften wegen Geld zerbrochen sind, enge Freunde sich zurückziehen sobald Partner ins Spiel kommen und sich der Mann, der die Zeit mit uns doch so zu genossen haben schien, sich nie wieder meldet.

Wir haben stattdessen gelernt, dass wir unsere Gefühle im Zaum halten müssen. Impulsivität wird nur auf der Kinoleinwand, im Theater und im Bett geduldet, alles was darüber hinaus geht und ins wahre Leben dringt wird abgewürgt, belächelt oder gekonnt ignoriert.

Das Gesicht unserer Gesellschaft ist derjenige der im Berghain am wenigsten Spaß hat. Er ist der Gewinner! Denn Unnahbarkeit wird honoriert.

Warum scheinen wir Menschen es einfach nicht zu schaffen einen gesunden Ausgleich zwischen einem autonomen Leben mit einem vernünftigen Maß an Egoismus und einem emphatischen und verantwortungsvollen Umgang mit unseren Mitmenschen zu leben?

Warum suchen wir immer das eine oder das andere Extrem?

Warum meinen wir unser Handeln nach nur einem dieser Maßstäbe ausrichten zu müssen? Und warum sehnen wir uns auch noch danach, wenn wir uns erst für die eine oder andere Richtung entschieden haben, diese in vollen Zügen auszukosten, bis ins kleinste Detail zu gestalten und uns dabei frei zu fühlen ohne es zu sein?

Mit Mitte zwanzig habe ich im Grunde genommen noch viel vor mir.

Ich schaue mich um und finde mich wieder in einer Masse von Gleichaltrigen, die sich wie in 2 Viehtransporter gezwängt, deren Gitter sie selber geschmiedet haben, in Richtung “Heirat, Kind und Einfamilienhaus” oder “Single, Party und WG-Leben” bewegen und dabei noch munter singen.

Und warum fühle ich mich nicht “normal” dabei zwischen beiden Wegen zu stehen und am liebsten den Trampelpfad, der durch die Mitte führt, zu bevorzugen?

Warum habe ich diese Freiheit nicht?

Vielleicht muss ich mich dann doch eines Tages entscheiden um der Verantwortungslosigkeit auszuweichen und nicht zurück gelassen zu werden, aber einer Sache bin ich mir gewiss:

Ich werde nicht diejenige sein, die dabei Andere zurück lässt.

 

by Christina